Zorn
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Zorn

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»Die Revolution war einst eine Wahrscheinlichkeit, und sie war sehr schön.« Ein alter Kämpfer, mit Beinamen »der Dichter«, und ein junger Enthusiast reisen zufällig im selben Zugabteil nach Diyarbakir, trinken, rauchen Hasch, reden, bis »der Dichter« auf einmal dem jungen Mann ein Konvolut mit Manuskripten in die Hand drückt und sagt: »Los, lies!« Die lose miteinander verwobenen Erzählungen, Beschreibungen und Gespräche handeln, wie der junge Mann bald feststellt, von seinem Vater, den er nie kennengelernt hat. Gleichzeitig wird damit die Geschichte einer ganzen Generation erzählt, die die Hoffnung auf eine Revolution nie aufgegeben hat. Dieses Erstlingswerk ist eine literarische Sensation und sorgte bei seinem Erscheinen für Furore, weil der Roman auf hohem sprachlichen Niveau sämtliche Tabus bricht. Gleichzeitig hat der junge Autor mit »Zorn« die inoffizielle Geschichte der Türkei seit den 1950ern bis heute geschrieben. Leseprobe: Ich, Yusuf, arbeitete als Korrektor in einem Verlag, der Mainstream-Bücher herausgab. Ich korrigierte Bücher, die aus Lexikoneinträgen und Geschichtschroniken zusammengeschustert wurden. Jeden Tag sah ich zu, wie dunkelhaarige Männer und Frauen, die mit Stößen von feuchtem, schlechtem Papier unterm Arm zur Tür hereinkamen und aus ihren Bärten, Haaren und sämtlichen intimen Stellen vor Wut geradezu rauchten, hochkant wieder hinausgeschmissen wurden. Der Verleger, dem das Gewissen unter die Gürtellinie gerutscht war, konnte sich in seiner honorigen Art wohl nur schwerlich vorstellen, dass er auf meiner Todesliste einen der fünf ersten Plätze einnahm. Bei dem Tod, den ich mir für ihn ausgedacht hatte, spielten nicht nur ein Scheiterhaufen aus seinen eigenen Büchern, sondern auch eine Guillotine und ein Katapult eine Rolle. Als Korrektor ist man eine Art Triebtäter. Korrektoren sind Leute, die plötzlich von einer frischgedruckten Seite aufblicken und in das Gewand eines Serienkillers schlüpfen können. Zumindest alle, die ich kannte – mich eingeschlossen – waren so. Gefunden hatte ich diese Arbeit durch einen seltsamen Zufall: Eines Tages hörte ich in einer Kneipe am Nebentisch jemanden lauthals lachend erzählen, wie in irgendeinem Verlag ein altgedienter Korrektor entlassen worden sei, weil er abends am Schreibtisch seinen Arbeitstag masturbierend ausklingen ließ. Ich wiederum masturbierte damals zwar oft, aber auf meinem Hotelbett und höchstens unter Zuhilfenahme einer schmutziggelben Boulevardzeitung. So hatte ich Zeit und Geduld mehr als genug, um einen Arbeitstag auf anständige Weise hinter mich zu bringen. Am nächsten Tag wurde ich bei dem Verlag vorstellig, blickte der Frau, die mich empfing, treuherzig in die Augen und wurde genommen. Irgendwann hieß es dann, ich sei ein intelligenter Mensch. Ich arbeitete mich ein, ohne je einen Rüffel zu bekommen, schuftete wie ein Verrückter, sah nicht nach rechts und nicht nach links, und schließlich hatte ich den Bogen raus. Bei fünfhundert korrigierten Seiten entging mir kein einziges falsch gesetztes Komma. Alle Zeichen und Wörter hatten wie Ziegelsteine ihren bestimmten Platz; es genügte, sie dort einzupassen. Daher war es wohl tatsächlich echtes Bedauern, was ich auf dem Gesicht meines Chefs las, als er eines Morgens heftig paffend in dem abgerissenen grünen Aktenbündel auf seinem Schreibtisch blätterte und mir schließlich bedeutete, ich sei entlassen. Ich war ein fleißiger, stiller, folgsamer Mitarbeiter. Seit Jahren arbeitete ich für ein Butterbrot, ohne je aufzumucken. Warum sollte der Mann mich entlassen? Es waren doch alle Verfahren gegen mich eingestellt worden, und ich dachte, dass die Polizei sich für mich nicht mehr interessierte. Nun hatte aber mein Chef die grüne Akte vor sich liegen, deren Papiere ich damals, als sie noch nagelneu war, mit blutigen Unterschriften besudelt hatte. So stimmte also, was in manchen Zeitungen immer wieder angedeutet wurde: Sie ließen einen auch dann nicht los, wenn alles schon vorbei zu sein schien. Und die Akten, die sie in Händen hielten, hetzten sie wie einen Fluch hinter uns her. Sie merkten sich einen, vergaßen nichts, und brachten so tausende Menschen um ihre Arbeit. Der Chef gab liebend gerne zum besten, wie er einmal zwei Tage in Untersuchungshaft gesteckt und dabei Prügel bekommen hatte, so als ob er der Einzige wäre, dem man übel mitgespielt hatte, aber er war eben ein ausgemachter Feigling. Er hatte sich in eine gute Stellung hochgemogelt, es ging ihm prächtig, und daran sollte sich nach Möglichkeit nichts ändern. Er fand bei meiner Entlassung recht deutliche Worte: Ich sei ein Separatist, ein Terrorist, ein Verdächtiger, und an eine weitere Zusammenarbeit sei unter diesen Umständen nicht zu denken. Ich fragte mich, ob er zwischendurch ein klitzekleines »tut mir leid« unterbringen würde. Tat er nicht. Er sah mir ins Gesicht wie ein blitzblanker weißer Nachttopf, wünschte mir noch »viel Erfolg« und versenkte sich wieder in die vor ihm liegenden Papiere. Als ich aufstand, war mir zum Kotzen zumute. Ich sammelte meine Habseligkeiten zusammen, murmelte ein paar Leuten einen Abschiedsgruß zu, kaufte mir dann gleich an der nächsten Straßenecke eine kleine Flasche Cognac und setzte sie an die Lippen. Ich versuchte den Heimweg so lang wie möglich hinauszuzögern und mir die Einzelheiten einer notgedrungen vorgezogenen Abschiedszeremonie zurechtzulegen. Ich durfte keine Spuren hinterlassen. Zuerst musste ich aus dem karierten Heft die Seiten mit den freibleibenden Kästchen herausreißen und verbrennen. Dann musste ich die Pornokassetten in eine möglichst weit entfernte Mülltonne werfen. Und es mussten noch ein paar mit unsinnigen Sätzen vollgekritzelte Blätter vernichtet werden. Ich durfte keine Spuren hinterlassen. Niemand sollte wissen, dass ich noch lebte. Ich wollte diesem Schlamassel entrinnen und schlimmstenfalls in irgendeiner Zeitung unter einer einzeiligen Überschrift in einer Schriftgröße von elf Punkt in einem so kleinen Artikel vorkommen, dass für ein Foto kein Platz mehr war. Ich hatte aber mit der Zeremonie zu lange gewartet. Als Letztes kann ich mich noch erinnern, dass ich bei Tagesanbruch wieder eine Flasche Cognac kaufte und mich dann auf jenem ständig von Taxis belagerten Platz auf eine Bank legte, neben einen schmutzigen Köter, der fortwährend an mir herumleckte. Ich glaube, bevor ich einschlief, sagte ich zu dem Hund noch etwa folgendes: »Früher war ich mal eine Schlagzeile, heute bin ich gerade noch elf Punkt groß.« Aus dem Türkischen von Gerhard Meier

Tol

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